VERZASCATAL • SEPTEMBER 2016

"Es geschieht zu jeder Zeit etwas Unerwartetes, unter anderem ist auch deshalb das Leben so interessant" (Marie von Ebner-Eschenbach). Genauso verhielt es sich mit meinem Besuch im Verzascatal. Der anfängliche Plan sah einen Kurztrip nach Kroatien vor, doch dieser wurde aufgrund der unsicheren Wetterprognose verworfen. Spontan entschied ich mich stattdessen zu einem Naturjuwel der Schweiz aufzubrechen, welches schon sehr lange auf meiner Fotowunschliste stand.

Bisher kannte ich das Verzascatal nur von Bildern meiner geschätzten Kollegen. Nach dem Studium dieser Bilder konnte ich mir ungefähr vorstellen, was mich dort erwarten würde. Aber schon beim ersten Streifzug durch das Tal wurden meine kühnsten Träume und Erwartungen im Nu übertroffen. Selbst jetzt, nach meiner Rückkehr, bin ich immer noch von den Eindrücken überwältigt. Begleiten Sie mich auf meiner beeindruckenden Wanderung durch diese ursprüngliche Schatzkammer des schweizer Tessins.

Abbildung 1: Farben und Formen in allen Variationen, jeder Stein für sich ist ein Kunstwerk. Das Versazatal ist ein Museum der Geologie, welches den Betrachter in Staunen und Erfurcht erstarren lässt.

Willkommen im Verzascatal...

Am Nordende des Lago Maggiore erstreckt sich das Tal auf einer Länge von 25 Kilometern eingeschlossen von 2400 Meter hohen Bergen. Schon beim Einfahren in das Verzascatal bleibt einem buchstäblich die Spucke weg, wenn sich einem der Blick auf die imposante Staumauer eröffnet, von der sich James Bond 007 in Goldeneye todesmutig in die Tiefe stürzte. Ein Spaziergang auf der Mauer gibt aber erst wirklich Aufschluss über die enormen Ausmaße dieses gigantischen Bauwerks.

Beim Durchfahren des Tals über Vogorno, Lavertezzo, und Brione wird in Sonogno der Talschluß erreicht. Von hieraus geht es nur noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad weiter. In die Zeit der ersten Siedler zurück versetzt, passiert man einige Wasserfälle, einzigartige Szenerien an der Verzasca und alte Steinhäuser, Zeugen einer längst vergangenen Epoche. Die Verzasca gibt dem Tal nicht nur den Namen, sondern auch sein Erscheinungsbild.

Abbildung 2: Die Motivvielfalt an diesem Ort macht es dem Fotografen nicht leicht, sich für eine Komposition zu entscheiden. Jeder Meter dieses Flusslaufs ist ein Kunstwerk in sich. Der Fotograf muss hier die Ruhe bewahren, um sich nicht völlig zu verzetteln.

Abbildung 3: Es gibt zu wenige Superlative, um diesen bezaubernden Ort zu beschreiben. Auf jedem Stein scheint sich eine Landkarte abzuzeichnen, die einem den Weg weißt, zu einem geheimen, verwunschenen Ort, tief im Inneren des Tals, den nur die Berge selbst kennen.

Fantastische Motive ohne Ende...

"Steter Tropfen höhlt den Stein" zeigt sich nirgendwo so oft und so deutlich wie hier. Über Jahrhunderte hinweg, hat das Wasser mit viel Geduld und Ausdauer die bizarrsten Formen und Muster in den Stein geschliffen. Oft mehr als PKW große Felsen im Bachbett sind gezeichnet wie Landkarten, die einem gefühlt den Weg an einen geheimen Ort in der Vergangenheit weisen und die Geschichte des Tals erzählen.
Mit etwas Phantasie kann man auch diverse Bilder erkennen. Die Detailvielfalt hat mich im Handumdrehen gefesselt und wenn Sie auch so detailverliebt sind wie ich, könnten Sie sich in diesem Tal auf mehrere Jahre verlieren. Somit versteht es sich von selbst, dass dies nicht mein einziger Besuch gewesen sein wird.

Abbildung 4: Wie abstrakte Gemälde liegen die Felsen in der Landschaft. Gerade rund um den Ort Lavertezzo kann man sich Stundenlang mit Details beschäftigen. Nur während den heißen Tagen in der Badesaison, könnte die ein oder andere Bikini-Nixe von den schön gezeichneten Felsen ablenken. Lavertezzo ist die beliebteste Badestelle am Fluss.

Wie im Paradies...

Die unerschöpflich scheinende Masse an Motiven lässt sich definitiv nicht mit einem Besuch festhalten. Es gibt dort noch so viel zu entdecken und zu erforschen. Wenn ich an einen neuerlichen Besuch denke, fängt sofort mein Abenteurerherz an schneller zu schlagen und ich sehe mich schon wieder zwischen den Felsen hin und her springen.
Ich wage es auch nur zu vermuten, wie die Kulisse im tiefen Herbst aussehen mag, wenn die Badegäste entlang des Flusses verschwunden sind und die Laubbäume sich zu gelben Kunstwerken färben. Die Ruhe im Tal, die länger werdenden Schatten und das goldene Herbstlicht kommen in meiner Vorstellung dem Paradies sehr nahe.

In meinen zwei Tagen im Tal konnte ich nur ansatzweise die Schönheit der Location einfangen. Dabei habe ich, ob der unzähligen Details, die Landschaft im Ganzen nicht außer Acht gelassen. Egal ob Details oder Landschaft, das Verzascatal hat für jeden Fotogeschmack grenzenlos viele Möglichkeiten zu bieten.

Abbildung 5: Nach hohen Wasserständen bleiben einige Wasserlöcher zurück. In diesen spiegelt sich in diesem Fall die Kirche von Lavertezzo. Am besten geeignet sind dies Locations einem Starkregenereignis, da die Pfützen danach sauber sind.

Abbildung 6: Wie eine versteinerte Schildkröte liegen die Steine unter dem Wasserfall. Mit etwas Phantasie lassen sich so viele Dinge entdecken. Manchmal braucht es vielleicht einen zweiten oder dritten Blick, aber am Ende ist es sehr offensichtlich. Der Zauber der über diesem Tal liegt, lässt sich einfach nicht verleugnen.

Viel zu kurz...

Bitte entschuldigen Sie, falls ich mich das ein oder andere Mal wiederholt habe, aber daran erkennen Sie, wie beeindruckt ich immer noch bin. Dass ich jedem Naturliebhaber und Naturfotografen das Tal wärmstens ans Herz legen kann, versteht sich natürlich von selbst. Meine Empfehlung wäre es, das Tal ein oder zwei Tage nach einem starken Regenfall zu besuchen. Die Altwasserpools in den ausgewaschenen Felsen sind dann wieder klar und sauber.

Einen kleinen Wehmutstropfen gibts aber dennoch. Die Schattenseite eines so schönen und leicht zu erreichenden Ortes sind wie so oft die Menschen und ihre Hinterlassenschaften. Einige der unzähligen Badegäste schaffen es an heißen Tagen nicht, den eigenen Müll wieder mitzunehmen. Jetzt wissen Sie auch, wie die Situation an schönen Tagen aussieht. Sie werden dort nur ganz früh oder zur fortgeschrittenen Abendstunde alleine sein. Alles in Allem tut dies der magischen Schönheit dieses Ortes aber keinen Abbruch.

Abbildung 7: Passiert man den letzten Ort im Tal, Sonogno, wartet noch ein besonderes Highlight, ein wundervoller Wasserfall. Erklimmt man den Pfad bis zum letzten Wasserfall, erwartet einen ein grüner Pool und eine wundervolle Szenerie.

Abbildung 8: Bei diesem Anblick musste ich sofort an Walknochen denken. Die hellen, vom Wasser ausgespülten Steine sehen aus wie Wirbel von einem großen Wal. Dieses Tal hat mich von der ersten bis zur letzten Minute in Staunen versetzt.

Abbildung 9: Es fällt schwer von so einem tollen Ort Abschied zu nehmen, aber man muss gehen, damit man wieder kommen kann. Auf diesen Tag freue ich mich schon sehr, denn es wird definitiv ein Wiedersehen im magischen Verzascatal geben. Ich bin sehr gespannt, was es da noch alles zu entdecken gibt…