SLOWENIEN • OKTOBER 2018 • TEIL 1

Der Herbst in Slowenien kommt einer perfekten Symphonie gleich, die Natur spielt nach Noten, die selbst Mozart nicht besser hätte komponieren können. Jeder Bach und jeder Fluss, jeder Berg und jeder Bäum befinden sich in einer unvergleichlichen Harmonie. Schon Albert Camus erkannte dies, er beschrieb den Herbst als einen zweiten Frühling, in dem jedes Blatt zu einer Blüte wird.

Genau dieser ursprüngliche Einklang aller Elemente der Natur zieht mich jedes Jahr aufs Neue nach Slowenien. Zum dritten mal in Folge verbachte ich einige Tage im herbstlichen Triglav-Nationalpark. Der erste Teil dieser wieder einmal sehr eindrucksvollen Reise beschäftigt sich mit verwunschenen Bächen und Schluchten, von denen ich einige zum ersten Mal erkunden durfte. Folgen Sie mir in die versteckten Winkel der slowenischen Wälder und freuen Sie sich auf spannende Neuentdeckungen.

Abbildung 1: Die Mostnica-Schlucht ist einer der Orte, welche ich auf dieser Reise zum ersten Mal besuchte. Schon lange wollte ich dieses einzigartige Fleckchen Erde erkunden, doch der richtige Zeitpunkt war erst jetzt gekommen.

Ein besonderes Geschenk...

Fotografen sprechen in ihren Ausführungen nur zu gerne von diesen einzigartigen, magischen Momenten und schießen dabei manchmal ein wenig übers Ziel hinaus, mich mit eingeschlossen. Möglicherweise sind diese Augenblicke nicht ganz so häufig, wie sie beschrieben werden, trotzdem glaube ich aus tiefster Überzeugung, dass es sie gibt und wir sie erleben können, wenn wir genau genug hinsehen.

In manchen Situationen kommt es mir vor als würde die Natur meine Gedanken lesen und verstehen, dass ich ihr mit Respekt gegenüber trete und versuche ein Teil von ihr zu sein. Ich stelle mich nicht über sie und sehe sie nur als "Sportgerät" für meine Freizteit. Zum Dank erhalte ich von ihr diese außergewöhnlichen Erlebnisse, die der Ein oder Andere als Zufall oder Glück bezeichnen mag. In meiner Vorstellung findet in solchen Momenten ein spiritueller Austausch statt, der alles andere als selbstverständlich ist.

Abbildung 2: Die grünen Pools mit ihren Wasserfällen sind ein ganz besonderes Highlight in der Mostnica-Klamm. Inspiriert von den Bidlern meines Kollegen Andreas Resch, konnte ich es nicht erwarten, diesen Ort mit eigenen Augen zu sehen.

Während meines Aufenthalts in Slowenien ist mir dieser Gedanke mehrmals gekommen. Sicher, so eine Denkweise kann Hohn und Spott ernten, doch wer sich darüber lustig macht ist in meinen Augen ein sehr armer Mensch, denn er hat die Natur noch nie wirklich erlebt. Die Mostnica empfing meinen Kollegen Arno und mich mit einer geheimnisvollen Nebelstimmung, als ob sie wusste, dass es meiner erster Besuch war.

Sie hat uns auf ihre ganz eigene Art willkommen geheissen. Ein bunter Nebelwald farblich im Einklang mit einem einmalig schönen Bachbett (siehe Abb. 1). Nach einer gewissen Zeit lichtete sich der Nebel und die Farben in der Klamm begannen förmlich zu explodieren. Es entfaltete sich ein traumhaftes Spiel aus Licht und Schatten. Genau wie in Norwegen haben wir auch hier den perfekten Zeitpunkt für die Herbstfärbung erwischt.

Abbildung 3: Das Spiel aus Licht und Schatten übte einen besonderen Reiz aus. Auch wenn es sich hierbei um ein eher unorthodoxes Motiv handelt, war es klar dass es auf meine Speicherkarte gehörte. Der erste Gedanke ist meist der Beste und so bin ich froh meinem Instinkt gefolgt zu sein.

Abbildung 4: Die Wälder rund um die Mostnica präsentierten sich in perfekter Herbstfärbung.

Abbildung 5: Dieses Panorama mit dem Blick in die Schlucht hat sich förmlich aufgedrängt. Ein markanter Baum, eine Schlucht, Herbstfarben und ein Sonnenstern. Mehr geht nicht!

Abbildung 6: Von der Flut an Motiven überwältigt, war es nicht ganz einfach die richtigen Ausschnitte zu finden. Es ist schön, dass einen nach all den Jahren immer noch die kindliche Freude überkommt, wenn man einen so schönen Platz zum ersten Mal erforschen kann und man am Liebsten jeden Zentimeter fotografisch feshalten möchte.

Noch ein Stop auf dem Rückweg...

Nach unserem kurzen Gastspiel in Bled und Bohinj war es Zeit in unser "Hauptquartier" nach Bovec zurückzukehren. Auf uns warteten viele altbekannte und neue Locations. Vorher stand aber noch der Pericnik-Wasserfall auf dem Programm. Da dieser quasi auf dem Weg lag, wollten wir uns die gute Gelegenheit mit den absolut spektakulären Herbstfarben nicht entgehen lassen.

Dieser Wasserfall zeichnet sich durch ein besonderes Merkmal aus. Genau wie beim Seljalandsfoss in Island geben überhängende Felswände dem Besucher die Möglichkeit den Wasserfall zu hinterlaufen. Hier eröffnet sich eine ganz besondere Sicht auf das herabstürzende Wasser und den gegenüberliegenden Herbstwald. Zudem hat sich unser frühes Aufstehen gelohnt, denn wir hatten den Wasserfall komplett für uns.

Abbildung 7: Nach einem Jahr Abstinenz war es mir möglich den wunderschönen Wasserfall wieder zu besuchen, dieses Mal bei perfekten Bedingungen. Auch ohne Bilder zu machen, ist es ein erhebendes Gefühl so einen beeindruckenden Ort auf sich wirken zu lassen.

Abbildung 8: So ein Ausblick bietet sich nicht alle Tage. Wann hat man schon mal die Gelegenheit einen Wasserfall aus dieser Perspektive zu betrachten?!? Während unseres Aufenthalts hatten wir das Privileg, die Szenerie völlig allein genießen zu können.

Narnia läßt grüßen...

Zurück in Bovec, war es an der Zeit eine neue Location zu besuchen. Tief im Wald erreichten wir einen Bachlauf, wie ich ihn zuvor noch nie gesehen hatte. Jeder Stein und jeder Felsblock war völlig mit Moos überwachsen. In einem früheren Bericht erwähnte ich bereits, dass das Soča-Tal den Chroniken von Narnia als Drehort diente. Dieser Bach gab mir sofort das Gefühl in Narnia zu sein. Es fühlte sich wirklich wie eine komplett andere Welt an und es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Zwerg oder ein Faun hinter einem Felsen hervor schauten, um zu sehen wer die Unverfrorenheit besaß, diesen friedvollen Ort zu stören.

Nachdem sich die Ruhe des Platzes vollends auf mich übertragen hatte, gelang es mir, ein paar ansprechende Kompositionen zu finden. Sicher werde ich hierher zurückkehren, da der Bach mit einem etwas höheren Wasserstand bestimmt noch sehr viel mehr zu bieten hat. Vielleicht komme ich auch einfach nur zurück, setze mich auf einen moosigen Stein, und tauche wieder ein in die geheimnisvolle Welt von Narnia...

Abbildung 9: Spricht man von Wäldern fällt oft der Ausdruck ” Die grüne Lunge”, ich wüßte nicht, wo diese Bezeichnung je besser gepasst hätte.

Abbildung 10: Eine Offenbarung in grün. Der Bachlauf erfüllt den Betrachter mit Ruhe und Zufriedenheit. Wie heißt es so schön, ein Ort zur inneren Einkehr.

Immer einen Besuch wert...

Im Anschluss ging es zurück auf altbekanntes Terrain. Da mein Kollege Arno den Slap Virje noch nie bei guten Bedingungen ablichten konnte, war es selbstverständlich, dass wir den Wasserfall erneut aufsuchten, und das war mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee. An diesem Tag passte einfach alles, der grüne Pool war absolut klar, die Wassermenge war optimal und der bedeckte Himmel perfekt für Wasserfotografie.

Es ist irgendwie verrückt, ich habe noch nie einen Ort erlebt an dem die Zeit so schnell vergeht. Am Slap Virje vergehen Stunden wie Minuten. Es spielt auch keine Rolle wie oft man schon dort war, jedes Mal bin ich wie gefesselt und komme kaum wieder weg. Präsentiert sich der Virje so wie wir ihn an diesem Tag vorfanden sind die Fotomöglichkeiten buchstäblich endlos.

Abbildung 11: Der Blätterstrudel war mit dem freien Auge kaum zu sehen. Es bedurfte einer sehr langen Belichtung um ihn sichtbar zu machen. Das Laub schien im Wasser förmlich still zu stehen. Der klare Pool mit seinen markanten Felsen rundet die Szenerie ab.

Abbildung 12: In einem kleineren Pool direkt vor dem Wasserfall gab es noch einen zweiten Strudel. Optisch konnte er aber mit dem größeren Bruder nicht mithalten. Dennoch war es eine ansprechende Szene, die ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit verdient hatte.

Abbildung 13: Der Vollständigkeit halber ließ ich mir es auch nicht nehmen, die Location in ihrer Gesamtheit auf meiner Speicherkarte festzuhalten.

Alte Liebe rostet nicht...

Neben dem Slap Virje gehört auch die Lepenjica zu den Locations, die ich bei jedem Aufenthalt im Triglav besuche. Dieser pittoreske Bachlauf bietet ebenfalls unzählige Motivmöglichkeiten. Je nach Wasserstand sind kleine seitliche Zuflüsse vorhanden oder eben nicht. Bei Niedrigwasser sieht man Formationen und Muster die sonst vom Wasser überspült werden. Wie weit fortgeschritten ist die Laubfärbung, befinden sich die Blätter noch an den Bäumen oder liegen sie schon im Bachbett. Ist es neblig oder nicht, es ist einfach immer spannend an diesen speziellen Ort zurück zu kommen.

Abbildung 14: Nach drei Jahren in Folge an der Lepenjica war es nicht ganz einfach neue Ansichten zu finden. Nach gewisser Zeit sprang mir diese schlichte Komposition ins Auge. Die Farben des Bachbetts haben mich schon immer fasziniert und so war diese Szene ein echtes Sahnestück für mich. Die abgefallenen Blätter runden das Ganze noch angenehm ab.

An der Lepenjica trifft das Gleiche zu wie beim Slap Virje, man muss sich im Klaren sein, dass auch dort die Zeit wie im Flug vergeht. Jeder Meter ist ein Foto wert. Bringt man die gerade beschriebenen Bedingungen noch mit ins Spiel, ist es nicht schwer sich auszurechnen, dass ein Besuch niemals ausreichen wird. Natürlich verändert sich ein Platz über die Spanne eines Jahres und darin liegt eine zusätzliche Herausforderung.

Umgestürzte Bäume können schöne Passagen im Bach blockieren mit denen man fest gerechnet hatte, schwere Unwetter und Sturzfluten können das Bachbett komplett verändert haben. All das sind Faktoren auf die man keinen Einfluss hat und die es so spannend machen nie zu wissen was einen im nächsten Jahr erwartet. Unabhängig von den vorherrschenden Verhältnissen ist die Lepenjica immer einen Besuch wert. Selbst wenn man nicht mit der Kamera unterwegs ist sollten Sie dieses außergewöhnliche Fleckchen Erde einmal gesehen haben. Die Lepenjica gehört mit Abstand zu den schönsten Bachläufen die ich kenne.

Abbildung 15: Ein Farbenmeer, welches Seinesgleichen sucht, ein rauschender Bach und die Ruhe des Waldes, was kann man sich als Naturliebhaber mehr wünschen?

Abbildung 16: Eine der schönsten Stellen der Lepenjica. Der doppelte Wasserfall hat es mir besonders angetan.

Unerwartete Schönheit...

Mit den beiden altbewährten Locations im Kasten war es nun an der Zeit wieder auf Entdeckungsreise zu gehen. Die Erzählungen meines Kollegen Andreas von einem Bach, den er am Vortag besucht hatte, ließen mich hellhörig werden. Er meinte mit Wathose könnte das Gewässer enige schöne Aufnahmen in sich tragen. Kurzerhand warfen wir unsere Wathosen ins Auto und waren auch schon unterwegs.

Ein kurzer Spaziergang brachte uns zu der beschriebenen Stelle. Ursprünglich wollten wir ein ganz bestimmtes Motiv angehen, doch es gab leider keine Möglichkeit für ansprechende Bilder. Aber wie heißt es so schön: Nichts Schlechtes, dass auch nicht was Gutes hat!?! Um nicht ganz umsonst die Wathose angezogen zu haben durchquerte ich den Bach und drang tiefer in die kleine Klamm vor. Als ich um einen großen Felsen herum ging fühlte ich mich plötzlich wie ein kleines Kind an Weihnachten. Meine Unverdrossheit und Neugier zahlte sich aus.

Abbildung 17: Bei der Bachdurchquerung bot sich mir dieser Anblick. Hatte ich meine Schwäche für Farbenspiele in Bachbetten schon erwähnt? 🙂

Abbildung 18: Jeder Naturfotograf kennt sicher das Gefühl, wenn er unerwarteter Weise auf ein neues Motiv stößt, dessen Schönheit ihn umgehend in Ehrfurcht und Sprachlosigkeit erstarren lässt. Erst nachdem ich mich für einen Moment gefangen hatte war es mir möglich meinen Kollegen Andreas dazu zu holen, der auf der anderen Seite des Baches zurück geblieben war.

Abbildung 19: Wenn Mutter Natur in Geberlaune ist, lässt sie sich wirklich nicht lumpen. In allen Richtungen sprangen uns auch hier wieder die Motive an. Mittlerweile hatte es begonnen sehr stark zu regnen und wir mussten leider den Rückzug antreten. Es steht aber fest, dass dieses Kapitel noch nicht beendet ist.

Aller guten Dinge sind drei...

Inspiriert von zwei neuen Gewässern, die wir nun schon erkundet hatten, forderten wir unser Glück noch ein drittes Mal heraus. Nummer Drei in der Liste der Neulinge versprach inpuncto unsere Gewässer-Ralley das spektakulärste Erlebnis. Schon der Weg zur Klamm präsentierte sich sehr beeindruckend. Entlang von alten Wehranlagen ging es durch den Wald dem Rauschen des Wassers entgegen.

Erneut standen wir sprachlos vor einer Schlucht, die sich tief in die Bergflanke gegraben hatte. Das herbstlich gefärbte Blätterdach legte sich schützend über die Klamm, als ob es diese atemberaubende Schönheit von der Außenwelt verstecken wollte. Manchmal habe ich Angst in meinen Berichten die Glaubwürdikeit zu verlieren, da mir nichts anderes übrig bleibt, als mit Superlativen um mich zu werfen. Es war einfach nur überwältigend diesen Platz erleben zu dürfen.

Abbildung 20: Gleich zu Beginn bot sich uns dieser Anblick. Das nenne ich mal einen Empfang, da fehlen einem doch wirklich die Worte, oder nicht?

Abbildung 21: Egal aus welcher Perspektive, die Klamm macht immer eine gute Figur.

Abbildung 22: Natürlich bieten sich auch hier zahllose Möglichkeiten ins Detail zu gehen. Diese Stromschnelle hat mich besonders beeindruckt.

Abbildung 23: Das Highlight in der Schlucht bildet mit Sicherheit dieser Wasserfall. Er hat sich vermutlich über Jahrhunderte durch das Gestein gefressen und ließ dadurch eine natürliche Steinbrücke entstehen.

Abbildung 24: Wer gewillt ist am Ende einen steilen Ab- und danach wieder den selben Aufstieg durch den Wald in Kauf zu nehmen, wird mit mit diesem Blick in die Klamm belohnt.

Mit dem Besuch in dieser eindrucksvollen Klamm endet der erste Teil unseres Slowenienabenteuers. Sollte Sie nun auch das "Narnia-Fieber" gepackt haben und Sie möchten diese Plätze alle einmal selbst erleben, dann begleiten Sie meinen Kollegen Andreas und mich auf unserer nächsten Tour. Sie können gerne dem Link zu unserem Fotoworkshop folgen. Wir würden uns sehr freuen mit Ihnen gemeinsam erneut in die verwunschene Welt des Triglav-Nationalparks abzutauchen. Seien Sie nun gespannt auf den zweiten Teil in dem es hoch hinauf geht in die slowenische Bergwelt. Sie erahnen vermutlich schon, dass mich auch diese Unternehmung wieder an die Grenzen meines Superlativvokabulars bringen wird...

Fortsetzung folgt...