SLOWENIEN • OKTOBER 2016

Der Herbst ist die Jahreszeit der Fotografen. Grüne, rote und goldene Farben lassen die Bergwälder leuchten. Nebelschwaden ziehen die Hänge hinauf und smaragdfarbene Flüsse durchschneiden die Landschaft. Man fühlt sich automatisch als Teil der Chroniken von Narnia, denen diese atemberaubende Gegend als Drehort diente. Moosbewachsene Felsen, plätschernde Bäche und dichte Laubwälder geben genug Anlass, sich von dem ein oder anderen Fabelwesen beobachtet zu fühlen.

Hauptakteur in dieser Landschaft ist der Fluss Soća. Ihrem Lauf folgend zeigt sie viele Gesichter. Eine enge Schlucht, ein breites Flussbett und Farben, die einer anderen Welt zu entspringen scheinen. Die überwältigende Schönheit der Soća hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Alle Probleme des Alltags waren sofort vergessen und ich konnte mich völlig in die Landschaft vertiefen. Die Motivvielfalt an diesem Ort ist einfach unbeschreiblich. Die Gegend braucht sich hinter bekannten Locations wie Island oder Norwegen in keinster Weise zu verstecken.

Auf dem Weg über den Predilpass ließ sich schon erahnen, welche Farbenpracht uns im Soćatal erwarten würden. Endgültig angekommen, wurden diese Erwartungen aber um Längen übertroffen. Begleiten Sie meine Kollegen Pia Steen, Andreas Resch und mich auf unserem Abenteuer in der verwunschenen Welt des Triglav Nationalparks.

Abbildung 1: Der Bachlauf am Slap Virje-Wasserfall ist über und über mit Moos bewachsen. Die Bezeichnung “Grüne Lunge” könnte wohl nicht besser passen. Hier Zeit zu verbringen ist Urlaub für die Seele.

Der Smaragdader folgen...

Unser erster Tag stand sofort im Zeichen der Soćaschlucht und einer ihrer Nebenflüsse. Aufgrund der etwas durchwachsenen Wettervorhersage für unseren Aufenthalt, wollten wir den trockenen Tag für die markantesten Stellen nutzen, um diese sicher im Kasten zu haben. Wenn man einen Fotografen fragen würde, wie eine seiner vermeindlichen Lieblingslocations aussähe, würde er vielleicht sagen: Bachbetten gefüllt mit feinem weißen Kies, durchsetzt mit großen braunen Steinen, die Ufer gesäumt von moosbewachsenen Felsen und das alles eingerahmt von einem goldgelben Herbstwald. Genau dieser Traum wird hier Wirklichkeit! Das Farbenspiel und die Geräuschkulisse des fließendes Wassers erfüllten mich mit einer inneren Zufriedenheit, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt habe. Meinen Kollegen erging es da nicht anders. Sie werden im Laufe meiner Ausführungen noch öfter merken, wie bewegt ich immer noch von dieser Reise bin.

Abbildung 2: Wie eine smaragdfarbene Schlange windet sich die Soća durch ihre Schlucht. Mehere kleine Bäche stürzen seitlich in Wasserfällen über die Wände hinab. Ein wahrlich wildromantischer Anblick.

Wir drei, wir sind schon so ein Duo...

Neben all dieser natürlichen Schönheit , die diesen Ausflug alleine schon zu einem vollen Erfolg gemacht hätte, durfte ich dieses Abenteuer mit zwei äußerst begabten und überaus netten Kollegen erleben. Gemeinsames Kochen im Appartement nach einem langen erfolgreichen Fototag mit anschließendem Videoabend, der zu Lachkrämpfen bis zur akuten Atemnot führte, rundeten die ganze Sache perfekt ab. Ich kann mich bei meinen beiden Kollegen Pia und Andi nur aufs Allerherzlichste für diese außergewöhnlich tollen Tage und die unkomplizierte und extrem lustige Zusammenarbeit bedanken.

In der Gruppe ist man aber nicht nur beim gemeinsamen Kochen stark. Auch wenn es darum geht, lohnenswerte Locations von unerwünschten Gegenständen, wie z.B. einem Baumstamm zu befreien, machen viele Hände leichte Arbeit. Und somit kommt man zu Bildern, die man alleine nicht hätte umsetzen können ohne den Kompromiss einzugehen, den Stamm im Bild zu integrieren.

Abbildung 3: Die Lepenjica ist ein Nebenfluss der Soća. Was ihr an Größe fehlt gleicht sie durch ihre märchenhafte Schönheit wieder aus. Besonders im bunten Herbstwald scheint dieser Bachlauf einer Fabel entsprungen zu sein

Abbildung 4: Gemeinsam sind wir stark! Hier sehen Sie Andreas Resch und meine Wenigkeit beim Entfernen eines Baumstammes aus der Lepenjica. Dieser Stamm störte empfindlich die Bildkomposition und musste deshalb ans Ufer verfrachtet werden. Danke an Pia Steen für dieses gelungene Dokumentationsbild.

Bis an die Grenzen gehen...

Auf unseren Touren mussten wir uns oft starken Niederschlägen aussetzen, was uns aber nicht von unserer "Arbeit" abhalten sollte. Die Wetterkapriolen waren durch eine heiße Dusche am Abend sowieso immer vergessen. Das Equipment wurden dennoch bis an die Grenzen der Belastbarkeit getrieben und die all abendliche Trocknungsaktion war obligatorisch. Die Ausrüstung hat uns trotz der extremen Belastung nie im Stich gelassen. Sollten Sie jetzt denken, wir standen vier Tage im Dauerregen, ist dies nicht der Fall. Es gab auch viele trockene Abschnitte die genug Raum für viele schöne Bilder eröffneten.

Seine Tage damit zu verbringen, einer Leidenschaft nach zu gehen, macht einem deutlich bewusst, wie unglaublich schnell die Zeit doch vergeht. Beim ersten Blick auf die Uhr ist es erst neun Uhr in der Früh, beim zweiten Blick, gefühlt nur wenige Augenblicke später, ist es 14 Uhr am Nachmittag. Ich kann immer nur verwundert mit dem Kopf schütteln, wo die Zeit bleibt, wenn ich mit der Kamera draußen bin.

Abbildung 5: Der goldene Herbstwald des Triglav Nationalparks ist eine unbeschreibliche Schönheit. Seine Farbenpracht ist unvergleichlich und lässt den Fotografen mit offenem Mund in Ehrfurcht erstarren.

Abbildung 6: Am Slap Virje-Wasserfall kann man nicht nur als Fotograf Stunden verbringen. Die grüne Lunge bei Bovec hat buchstäblich etwas magisches an sich. Bei hohem Wasserstand tosen die Wassermassen hier auf einer Breite von ca. 20 Metern 12 Meter in die Tiefe. Bei niedrigen Wasserstand, so wie in unserem Fall, ist dieser Wasserfall eine richtige Perle für Naturfotografen.

Abbildung 7: Nebelschwaden ziehen die herbstlichen Bergflanken im Triglav Nationalpark hinauf. Von Bergen umringt, fällt es schwer, ein Motiv raus zu picken. Wohin das Auge reicht, ein lohnenswertes Motiv nach dem anderen. Da gibt es nur eines, Euphorie zügeln und eine weise Wahl treffen.

Wenn Narnia ruft...

Ein Abend im Besonderen war mehr als eine Belohnung für das Ausharren im Regen und brannte sich als bleibende Erinnerung in unsere Herzen. An diesem Abend begaben wir uns an einen ganz speziellen Ort an der Soća. Sollten sie die Chroniken von Narnia - Prinz Kaspian gesehen haben, kennen Sie die Endsequenz, in der eine Schlacht auf einer großen Holzbrücke statt findet. Unterwegs zur Location konnten wir schon beobachten, wie die Wolkendecke immer mehr aufriss, und das Triglavgebirge im Hintergrund frei gab. Die Wolkenschwaden zogen majestätisch durch die Berge und die untergehende Sonne färbte die Gipfel blutrot.

Wer jetzt denkt, es könnte nicht besser kommen, der musste sich nur um 180° Grad in Richtung Sonnenuntergang umdrehen. Ein brennender Himmel, der sich im Wasser spiegelte, hat uns buchstäblich die Freudentränen in die Augen getrieben. Nach einem ganzen Tag ohne eine einzige Wolkenlücke, empfanden wir dieses Erlebnis als eines der kostbarsten Geschenke von Mutter Natur.

Abbildung 8: Nach einem verregneten Tag öffnete sich die Wolkendecke und der Sonnenuntergang im Soćatal brachte den Himmel zum Brennen. Was für ein monumentales Schauspiel, dessen Zeuge wir werden durften.

Abbildung 9: Keine Frage, warum das Soćatal als Drehort für den Film Narnia ausgewählt wurde. Der breite Fluss eingrahmt von den Bergen desTriglav Nationalparks, deren Spitzen blutrot im Sonnenuntergang leuchten, ist eine einzigartige Kulisse. Kaum ein Zeichen menschlicher Präsenz ist hier zu spüren. So sieht wohl der Traum eines jeden Regisseurs aus.

Ein seltener Schatz...

Die Soća ist auch die Heimat eines ganz besonderen Schatzes, der MARMORATA, der größten Forellenarten weltweit. Sie kann bis zu 1,20 Meter lang und annähernd 30 Kilogramm schwer werden. Über der Schlucht zu stehen und diese imposanten Tiere bei der Nahrungssuche in der Strömung zu beobachten, ist ein sehr erhebendes Gefühl. Wie viele andere Tiere, kämpft auch die Marmorata einen schier aussichtslos erscheinenden Überlebenskampf.

Die weiblichen Tiere legen ihre Eier in sogenannten Laichkuhlen ab und die Männchen befruchten diese. Aufgrund der hohen Populationsdichte der Bachforelle, drängen sich aber die kleineren Bachforellenmännchen beim Befruchtungsvorgang dazwischen und bringen ihren Samen aus. Die Folge ist eine Zunahme an Hybriden. Diese weisen die für die Marmorata typische Marmorierung auf, die dem Fisch auch seinen Namen gab. Gleichermaßen zeichnen sie auch die für Bachforellen typischen roten Punkte. Es ist also nicht leicht noch wirklich artreine Marmoratas zu finden.

Abbildung 10: Die Soća ist nicht nur in ihrerer Gesamtheit eine Sehenswürdigkeit. Auch im Detail zeigen sich viele schöne Fotomotive. Die Farben des Flussbettes in Kombination mit dem Fließen des Wassers, geben viel Spielraum für Kreativität.

Abbildung 11: Die Soća ist die Heimat der Marmorata, einer ganz besonderen Forellenart. Immer wieder zeigen sich diese einzigartigen Tiere bei einem Blick in die Schlucht. Scheinbar ohne Anstrengung stehen sie in der Strömung und warten auf Fressbares. Mit einer Länge von bis zu 1,20 Meter sind die dunklen Fische in dem smaragdgrünen Wasser nicht zu übersehen.

Ein Kindheitstraum erfüllt sich...

Von Kindheitstagen an gehörten Dokumentationen zu meinen Lieblingssendungen. Als ich am 20. Mai 1997 auf ORF2 eine Universum-Dokumentation über die eben beschriebene Marmorata-Forelle in der Soća gesehen habe, war ich von diesem Fluss und seiner Landschaft so fasziniert, dass ich damals schon den Entschluss fasste, den Ort früher oder später einmal selbst zu besuchen. Fast 20 Jahre später war es so weit. Damals hatte ich mit der Fotografie so gut wie nichts am Hut, doch selbst ohne den Ansporn gute Fotos mit nach Hause zu bringen, hat mich der Gedanke an die Soća nie losgelassen.

Nun, da ich diese einzigartige Landschaft mit eigenen Augen gesehen habe, weiß ich, dass dieser innere Ruf, der über die Jahrzehnte nie verklang, nicht von ungefähr kam. Die Bedingungen waren perfekt und die Möglichkeit, den Alltag für ein paar Tage auszublenden, hat in diesem Moment unendlich gut getan.

Abbildung 12: Wandert man entlang der Lepenjica gibt es viele Stellen für eindrucksvolle Bilder. Selbst die gleiche Location kann bei anderem Wasserstand ein völlig anderes Gesicht zeigen. Es ist spannend, nie zu wissen, was einen dort erwartet.

Die Zeit rennt...

Leider vergingen die vier Tage wie im Flug. Nachdem wir in den ersten Tagen intensiv an der Soća, der Lepenjica und dem Slap Virje gearbeitet haben, standen für meinen letzten Tag noch zwei andere Wasserfälle auf dem Programm. Zum einen der bekannte Slap Kozjak und der weniger bekannte und etwas versteckte Slap Fratarica.

Bei letzterem starteten wir in unseren Fototag. Wie so oft, mussten wir uns mit ergiebigen Regenfällen auseinandersetzen. Wathosen und Regenjacken hielten das Meiste davon ab, aber wir mussten uns gegenseitig den Regenschirm halten, um einigermaßen trockene Kameras zu haben. Dazu kam noch ein waghalsiger Abstieg an einem Seil über einen steilen Hang. Nach der Wasserschlacht ging es weiter zum Slap Kozjak. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen war es dort leider sehr dunkel. Der Wasserfall stürzt in eine Art Grotte, in der es ohnehin schon nicht übermäßig hell ist. Mit ein paar brauchbaren Schüssen im Kasten traten wir dann den Rückweg zum Auto an.

Abbildung 13: Der Bachlauf des Slap Fratarica wird von einem Felsen direkt am Wasserfall in zwei Hälften geteilt. Die einzigartige Stellung der Gesteinsformationen verursacht ein Überkreuzen der beiden Wasserfälle.

Wir kommen wieder...

Zeit sich zu verabschieden, nicht nur von der Soća und dem Triglav Nationalpark, sonder auch von meinen Freunden und Kollegen. Meine Reise war hier zu ende, ihre ging noch drei Tage weiter. Auf der Fahrt nach Hause wurde ich etwas wehmütig. Die schönen Tage und Erlebnisse hinter mir zu lassen viel mir schwer, besonders mit dem Wissen, welch schöne Locations noch auf dem Programm gestanden hätten. Fakt ist aber, dass man sich immer etwas für das nächste Mal aufheben muss, und so löste tiefe Dankbarkeit die Wehmut ab. Dankbarkeit für das Erlebte, für die gute Gesellschaft und für die innere Ruhe, die ich im Triglav gefunden habe.

In jedem Fall wird es noch viele nächste Male geben. Ich kann es kaum erwarten mit meinen Kollegen wieder los zu ziehen und diesen wundervollen Ort weiter zu erkunden und zu erforschen. Für zwei von uns war es der erste Besuch, d.h. wir haben gerade erst an der Oberfläche gekratzt. Jetzt heißt es warten auf den nächsten Herbst und auf ein Wiedersehen im einzigartigen Triglav Nationalpark...

Abbildung 14:  Auf dem Weg zum Kozjak-Wasserfall schlich sich der Gedanke an den Herrn der Ringe ein. Über steinerne Brücken und schmale Pfade im Fels betritt man die Grotte in die der Wasserfall stürzt. Eine ganz eigenen Welt öffnet hier ihre Pforten.