SHETLAND INSELN • JUNI 2015

Shetland, meist nur bekannt als die Heimat der süßen Ponys und Schafe, ist ein Reiseziel der ganz besonderen Art. Die wunderschönen Inseln im hohen Norden Großbritanniens haben selbstverständlich noch viel mehr zu bieten als Ponys und Schafe. Gerade in den Sommermonaten findet sich hier ein richtiges Paradies der Tierwelt. Dort, wo Nordsee und Atlantik aufeinander treffen, bringen Wind und Gezeiten eine Fülle von Nährstoffen an die Wasseroberfläche. Darum ist es nicht verwunderlich, dass eine Million Seevögel, ein Zehntel der gesamten Seevogelpopulation Großbritanniens, jedes Jahr auf den Shetland Inseln brüten. Basstölpel, Papageitaucher und Eissturmvögel sind nur drei von 21 vertretenen Arten, die dort ihren Nachwuchs aufziehen. Sogar das seltene Odinshühnchen gibt auf den Inseln sein Stelldichein.

Die einzigartige Schönheit, die Artenvielfalt und die wilde Romantik, die über dieser atemberaubenden Küstenlandschaft liegt, fesselt einen schon bevor das Flugzeug die Landebahn berührt. Für jeden, der es etwas ruhiger und ursprünglicher haben will, sind die Shetland Inseln ein echter Geheimtipp. Vögel sind aber nicht die einzigen Tiere, die man dort trifft. Fretchen, Kanninchen, Ratten und die überaus lustigen und verspielten, dennoch sehr scheuen Otter findet man entlang der Küstenlinien. Glücklichen Besuchern kann es mit unter auch vergönnt sein, einige Orcas (Schwertwale) zu sichten. Die besten Chancen auf so eine Zusammenkunft ergeben sich vom schönen Leuchtturm Sumburgh Head, auf den Klippen von Hermaness oder auf der Fähre, die wie die Orcas, den Yell Sound, eine Passage zwischen den beiden Inseln South Mainland und Yell, durchquert. Näher als auf den Shetland Inseln kann man der Natur nicht sein, begleiten Sie mich auf meiner achttägigen Reise durch dieses unglaubliche Naturparadies.

Abbildung 1: Die Klippen von Hermaness gehören seit 1955 zum gleichnamigen nationalen Naturreservat. Sie bilden den nördlichsten Punkt Großbritanniens und sind  die Heimat tausender Seevögeln.

Naturreservat Sumburgh Head...

Mein Trip auf die Inseln, um an dem sogenannten Simmer Dim - Fotoassignment der Firma Shetland Nature teilzunehmen, stellt meinen zweiten Besuch auf Shetland dar. Anders als im vergangen Jahr, reiste ich einen Tag früher an und einen Tag später ab, somit hatte ich zwei Tage, um mich mit der traumhaften Landschaft und der mannigfaltigen Tierwelt rund um den Sumburgh Head zu beschäftigen. Hierbei haben es mir besonders die Eissturmvögel oder Fulmars, wie sie im Volksmund genannt werden, angetan, die im Schatten der Basstölpel und der pussierlichen Papageitauchern, den Clowns der Lüfte, etwas zu kurz kommen. Die silbergrauen Vögel mit weißen Kopf und Rumpf sind exzellente Flugkünstler, die Ihresgleichen suchen. Mühelos segeln sie entlang der Klippen und über die Wellen. Ihr Spiel mit dem Wind scheint das Selbstverständlichste der Welt zu sein. Wenn die Vögel dann doch einmal landen, um ihre Paarbindung zu festigen, sitzen sie in einem pink blühenden Blumenmeer und bieten in meinen Augen ein Fotomotiv der Extraklasse.

Abbildung 2: Im Schatten der Basstölpel und Papageitaucher fliegt noch ein weiterer sehr interessanter Vogel entlang der Klippen. Mit Abstand das beste Beispiel für Eleganz und Leichtigkeit in der Luft, der Eissturmvogel.

Abbildung 3: Paarbindung spielt eine wichtige Rolle im Leben der Eissturmvögel. Wandert man entlang der Klippen von Sumburgh Heag kann man die Tiere sehr gut beobachten. Verhält man sich ruhig gleiten sie aus Neugierde sehr nah an einem vorbei.

Sumburgh Head mit seinem Leuchtturm liegt auf einer Halbinsel des South Mainland, welche den südlichsten Punkt der Shetland Inseln markiert. Dort befindet sich auch das wunderschöne Sumburgh Hotel, in dem wir zu Beginn und zum Ende des Assignments untergebracht sind. Vom Hotel aus führt ein zauberhafter Pfad entlang der Küstenlinie hinauf zum Leuchtturm. Ohne zu fotografieren läßt sich der Weg in einer halben Stunde bewältigen, da unterwegs das Leben aber nur so brodelt, können Sie sich sicher vorstellen, dass es in meinen Fall mit einer halben Stunde nicht getan war. Eisstrumvögel, Gryllteiste, Austernfischer, Mantelmöwen und Eiderenten sind nur ein Bruchteil von dem, was einem während der Zeit vor die Linse kommen kann. Am Leuchtturm angekommen, präsentiert sich einem eine wunderbar zugängliche Papageitaucherkolonie, die gute Möglichkeiten für spannende Fotografien bietet. Gerade bei guten Windbedingungen stehen die Vögel regelrecht in der Luft und können somit leichter im Flug abgelichtet werden. Die Flugbahnen lassen sich sehr gut im Voraus erahnen und hat der Fotograf seine Kamera und seinen Autofokus gut im Griff, kann er spektakuläre Ergebnisse erzielen.

Abbildung 4: Der Weg zum Leuchturm von Sumbrugh Head ist ein beeindruckendes Naturerlebnis. Oben am Leuchturm angekommen erwartet einen eine atemberaubende Aussicht und eine große Brutkolonie der putzigen Papageitaucher.

Abbildung 5: Bei den richtigen Windverhältnissen besteht die Möglichkeit die wundervollen Papageitaucher im Anflug zu fotografieren. Im Idealfall kommt ein Alttier mit einem Schnabel voller Sandaale zum Nest zurück.

Den Ottern auf der Spur...

Nach zwei wundervollen Tagen in Sumburgh ging es dann nach Unst, die nördlichste der 100 Inseln, von denen aber nur 15 bewohnt sind. Dort angekommen, sollte uns der Ort Baltasound, mit dem gleichnamigen Hotel, als Stützpunkt für den größten Teil der Reise dienen. Auf den Shetland Inseln leben ca. 24.000 Einwohner, ein Drittel davon in der Hauptstadt Lerwick. Die Insel Unst bringt es im Vergleich auf gut 700 Seelen. Der erste richtige Tag des Simmer Dim stand für meinen Teamkollegen Nigel und mich ganz im Zeichen der Otter. Unser Guide Brydon Thomason, seines Zeichens Inhaber der Firma Shetland Nature, führte uns entsprechend der Windverhältnisse an einen geeigneten Küstenstreifen. Zwei Stunden spazierten wir sehr konzentriert entlang der Küstenlinie und scannten die kleinen Buchten leider ohne Erfolg.

Plötzlich gab Brydon das Zeichen, ein Otter!!! Ein weibliches Tier glitt nicht all zu weit von uns entfernt mühelos durch die Wellen. Jetzt heißt es Geduld bewahren und zu antizipieren, wo die Otterdame an Land gehen könnte. Sind Otter auf der Jagd, fressen sie kleine Beutetiere gleich während des Schwimmens auf offenem Wasser. Ist die Beute aber zu groß und zu wehrhaft, muß der Otter an Land um sein Mahl zu verzehren. Auf so einen Landgang mussten wir warten. Kurz darauf kam es dann auch dazu, aber die Entfernung war selbst für 500 Millimeter bzw. 600 Millimeter Brennweite noch etwas zu groß.

Anschließend entschied sich die Otterdame dafür spurlos zu verschwinden. Wieder verging einige Zeit ohne einen Otter und wir beschlossen, uns in Richtung Auto zurück zu arbeiten. Innerlich hatten wir die Ottersafari ohne Hoffnung auf eine weitere Sichtung schon abgeschlossen. Dann aber neuerlich das Zeichen von Brydon, ducken, Mund halten und beobachten! Diesesmal handelte es sich um ein stattliches junges Männchen, welches für Otter untypisch, bei Einsetzen der Flut auf die Jagd ging. Vermutlich versuchte der junge Otter dadurch einem älteren, ortsansäßigen Männchen aus dem Weg zu gehen, denn Revierkämpfe unter Ottern können sehr aggressiv und blutig ausfallen. Sein Jagderfolg brachte uns drei weitere Landgänge ein und die Entfernung zum Ziel war nun auch besser. Mit einigen netten Schnappschüssen kehrten wir anschließend zufrieden zum Auto zurück, nachdem wir den relaxt aufs Meer hinaus paddelnden Otter sich selbst überlassen hatten.

Abbildung 6: Ein ganz besonderer Bewohner der Shetland Inseln ist der Fischotter. Diese possierlichen und aufgeweckten Tiere bei der Nahrungssuche entlang der Küste zu beobachten ist ein ganz besonderes Highlight.

Abbildung 7: Das Entdecken und Beobachten der Tiere erfordet etwas Übung. Sie sind zwischen den Felsen sehr gut getarnt und sie verfügen über ein ausgezeichnetes Gehör- und einen exzellenten Geruchssinn.

Um Otter vor die Linse zu bekommen, muss in erster Linie auf den Wind geachtet werden. Die Tiere haben einen ausgezeichneten Geruchssinn, deshalb ist man bei ablandigem Wind nahezu chancenlos. Die visuelle Wahrnehmung ist bei Weitem nicht so gut ausgeprägt wie ihr Geruchssinn, dennoch sollte man sich nur mit Deckung fort bewegen, sprich am Strand mit den Klippen hinter sich. Läuft man oben auf den Klippen, wo die Fortbewegung natürlich leichter ist als am felsigen Strand, zeichnet sich die menschliche Silhouette gegen den Himmel ab und man hat ebenfalls sehr schlechte Karten. Sollten Sie jemals auf Ottersafari gehen wollen, rate ich Ihnen nur mit einem ortskundigen und erfahrenen Guide los zu ziehen, Ihre Chancen auf ein unvergessliches Erlebnis steigen dadurch imens an. Eines sollten Sie aber bitte trotzdem nie vergessen, eine hundert prozentige Sicherheit für ein Aufeinandertreffen gibt es auch hier, wie so oft in der Tierwelt, nicht.

Zurück im Hotel unterhielten Nigel und ich uns noch über das Erlebte und stellten dabei fest, wir hatten nicht nur Otter gesehen und fotografiert, wir haben auch tiefe Einblicke in ihr Leben bekommen. Brydon hat uns während der langen Geh- bzw. Wartezeit viel Wissenswertes erzählt und gezeigt. Beispielsweise kann man sehr gut erkennen, wo ein Otter sein Revier markiert und wo er sich nach einem Bad im Süßwasser zur Fellpflege im Gras welzt. Anhand der Markierung, dem so genannten Spraint, kann man bestimmen wann der Otter das letzte Mal vorbei gekommen ist. Süßwasserpools sind für die Otter essentiell, sie brauchen das Süßwasser um ihr Fell vom Salzwasser zu reinigen und natürlich um ihren Durst zu stillen. Darum findet man Otter nur an den Küstenabschnitten, an denen auch genügend Süßwasser vorhanden ist.

Abbildung 8: Selbst wenn man kein Tier zu Gesicht bekommt kann man erkennen, ob man sich im Otterrevier befindet. Markierungsstellen und Süßwasserpools sind eindeutige Zeichen.

Abbildung 9: Auch die Welzmulden sind ein weiteres Anzeichen für die Anwesenheit der Otter. Nach dem das Salzwasser im Süßwasserpool ausgewaschen wurde wird sich getrocknet, dabei entstehen diese Vertiefungen im Gras.

Nach diesem überaus gelungenen Otter-Tag konnte mich nichts mehr erschüttern, selbst die Tatsache, dass mein Koffer erst vier Tage nach mir die Shetland Inseln erreichen sollte, konnte mich nicht aus der Ruhe bringen. An dieser Stelle möchte ich mich aber sehr herzlich bei meinen Freunden Brydon, Nigel, Alain und Martin bedanken, die mir mit Kleidung, Ladegerät und Stativ freundlicher Weise ausgeholfen haben und ich somit die kofferlose Zeit gut überbrücken konnte. Mein besondere Dank gilt aber Brydon, der dann sogar extra wegen mir einen Abstecher nach Lerwick machte, damit ich mir für den Fall der Fälle Ersatzunterwäsche, eine Hose und ein T-Shirt zum Wechseln kaufen konnte. Zahnbürste, Zahnpasta und Deo konnte ich vorher schon in Sumburgh erstehen.

Die nun folgenden Tage sollten ganz im Zeichen der Vögel stehen. Als erste Station besuchten wir einen Treffpunkt der großen Skua Raubmöwen, die von den Einheimischen liebevoll Bonxies genannt werden. An diesen Bonxie Clubsites kann man nicht selten bis zu 50 Tieren oder mehr begegnen. Dort zeigen die Piraten der Lüfte ihr ganz natürliches Verhalten. Aus nächster Nähe kann Imponiergehabe, Partnerbindung und Entspannen sehr gut beobachtet und fotografiert werden, selbst Attacken auf unvorsichtige Schafe, welche einem Nest der Skuas zu nahe kommen, sind immer wieder an der Tagesordnung. Bei einem späteren Besuch einer anderen Clubsite haben wir die Bonxies aus einem Versteck heraus sogar bei der Gefiederpflege an einem See beobachten können.

Abbildung 10: Kommt man dem Brutrevier der großen Skua Raubmöwe zu nahe wird man attackiert, dabei spielt es keine Rolle, ob man zwei oder vier Beine hat. Ein Angriff auf den Kopf kann mitunter sehr schmerzhaft ausfallen, wenn man nicht richtig aufpasst.

Abbildung 11: An ein paar ausgewählten Punkten haben die großen Skuas soziale Treffpunkte, hier wird zusammen gebadet und der neuste Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Mehr als 30 Tiere sind dabei keine Seltenheit.

Am zweiten Tag auf Unst führte unser Weg nach Burravoe, zu den dort befindlichen Gryllteist- und Seeschwalbenkolonien. Platziert sich der Fotograf dort in einiger Distanz zwischen den Felsen, kann er die Tiere völlig entspannt in ihrem natürlich Verhalten beobachten und auch extrem gut fotografieren. Besonders die eleganten und anmutigen Seeschwalben präsentieren sich hier in hervorragender Fotolaune. Tag drei im Vogelparadies gehörte der Insel Fetlar und dem Odinshühnchen. Die Insel ist bekannt für das Vorkommen dieser zierlichen Vogelart. Wir hatten sogar das Glück eines von ihnen zu sehen. Zu einem adäquaten Foto war Madam-Odinshuhn leider nicht zu überreden. Vier Rothalstaucher kamen ebenfalls nicht in "Schußdistanz".

Abbildung 12: In einer Kolonie von Gryllteisten kommt es manchmal zu der einen oder anderen Meinungsverschiedenheit. Mit einer kurzen ruppigen Auseinandersetzung sind die Fronten meist aber wieder schnell geklärt.

Abbildung 13: Schönheit und Reinheit sind doe Markenzeichen der Seeschwalben. Davon darf man sich aber nicht täuschen lassen. Kommt man ihren Nestern zu nahe werden sie zu furchtlosen Angreifern.

Im Bann von Hermaness...

Verbringt man so viel Zeit wie wir in Unst, sollte man es sich in keinem Fall nehmen lassen, den 40 minütigen Fußmarsch nach Hermaness anzutreten. Sie können sich sicher denken, dass wir verrückten Fotografen an allen drei Abenden dieses Ritual vollzogen. Selbst wenn Sie mit Seevögeln nicht viel am Hut haben, sollten Sie Hermaness der Aussicht halber besuchen. Für mich ist es der eindrucksvollste Ort an dem ich bis jetzt gewesen bin und das nicht nur weil er mit dem Leuchtturm Muckle Flugga den nördlichsten Punkt Großbritanniens bezeichnet, sondern weil die 170 Meter hohen Klippen im goldenen Abendlicht (siehe Einleitungsbild) einen ehrfürchtig und demütig werden lassen. Die Schönheit und Ursprünglichkeit dieses Ortes zieht einen unwillkürlich in seinen Bann. Wer einmal die Magie der Klippen von Hermaness gespürt hat, wird immer wieder an diesen Ort zurückkehren. Es ist also auch kein Wunder, weshalb Basstölpel & Co. immer wieder den Weg nach Hermaness finden.

Hermaness beheimatet die drittgrößte Skua-Kolonie der Welt. Im Sommer brüten hier 25.000 Papageitaucherpaare und 12.000 Basstölpelpaare. Das entspricht fünf Prozent der westeuropäischen Basstölpelpopulation. Die erste Basstölpelbrut auf Hermaness geht zurück ins Jahr 1917. Eissturmvögel brüten dort schon seit 1897 und zählen heute 14.000 Brutpaare. Dazu kommen noch 20.000 Gryllteiste, 1.000 Tordalke, 1.000 Paare der Dreizehenmöwe und 400 Paare Krähenscharben. Alles in allem brüten ca. 100.000 Seevögel den Sommer über auf Hermaness. Eine weitere große Seevogelkolonie findet sich auf den Klippen von Noss, die wir mit einem Boot von der Seeseite her erkunden wollten.

Abbildung 14: Basstölpelkolonien finden sich entlang der gesamten Küstenlinie von Hermaness. Die nahrungsreichen Gewässer vor der Küste sind der ideale Ort für die Aufzucht des Nachwuchses.

Nun war er gekommen, der letzte ganze Tag des Simmer Dim und wir konnten es kaum glauben, das Wetter und die See meinten es gut mit uns. Es war endlich an der Zeit im Hafen von Lerwick an Bord zu gehen, den Anker zu lichten und in Richtung der Klippen von Noss aufzubrechen. Der ruhige Seegang erlaubte es uns sehr nahe an die Klippen und die dort befindliche Basstölpelkolonie heranzufahren. Am Fuß dieser imposanten Klippen in einem Boot zu sitzen, den Launen des Ozeans völlig ausgeliefert, war ein ganz neues und irgendwie berauschendes Gefühl. Nachdem wir die Kolonie abgefahren haben ging es raus aufs offene Wasser. Der Plan sah vor einen Fressrausch der Basstölpel auszulösen und um brütende Tiere nicht vom Nest zu locken mussten wir uns weiter von der Kolonie entfernen. Ein bis zweimal pro Jahr füttert die Bootcrew die Basstölpel mit Makrelen und dabei entsteht eine so genannte Feeding Frenzy, ein Fressrausch, wie man ihn sonst nur von Haien kennt.

Hunderte Basstölpel versammeln sich im Schwebflug über dem Boot und beginnen wie lebende Pfeile ins Wasser einzutauchen um eine Makrele zu ergattern. Fotografieren in diesem Getümmel ist eine echte Herausforderung und der Überblick geht schnell verloren. Ich musste mir im Klaren sein, was für Motive ich ablichten wollte und musste mich genau auf diese konzentrieren. Mein Hauptaugenmerk lag dabei auf den Kampfszenen, wenn sich die Vögel um die Fische streiten. Spritzendes Wasser, kämpfende Vögel mit weit aufgerissenen Schnäbeln und dazwischen die Makrele mit ihrem Tigermuster, ja genau das waren die Fotos, die ich schon lange auf meiner Wunschliste hatte. Und an diesem perfekten Tag ging dieser Wunsch nun endlich in Erfüllung.

Abbildung 15: Hat man die Gelegenheit eine Tölpelkolonie won der Wasserseite aus zu beobachten bekommt man einen guten Einblick in das Sozialverhalten der Tiere. Hier und da sind die Umgangsformen etwas direkt und unhöflich.

Abbildung 16: Besonders deutlich zeigen sich die fehlenden Manieren während eines Fressrausches. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Kopf eines Vogels den Weg in den Hals eines Artgenossen findet, um eine Makrele tief aus dem Schlund zu holen.

Während der Rückfahrt von Noss gab es noch einen fotografischen Leckerbissen für uns. Der Skipper fütterte einige Skuas, die sich ins Getümmel gemischt hatten. Die Tiere wußten, dass von uns keine Gefahr ausging und holten sich geschickt die Kekse aus der Hand des Skippers. Selbst die Basstölpel schienen an den Keksen interessiert oder sie hofften noch auf eine übrige Makrele. Jedenfalls folgten sie dem Boot in angepasster Geschwindigkeit und gaben uns die Chance auf weitere ausgezeichnete Flugimpressionen. Der Boottrip war einfach sensationell, neben meinem Treffen mit dem Weißen Hai in Südafrika war das zweifellos das atemberaubendste Abenteuer, welches ich bisher erlebt habe. Ein besseres Ende für den Simmer Dim hätten wir uns nicht wünschen können. Auf der Fahrt zurück nach Sumburgh machte sich Zufriedenheit und Erleichterung breit. Den Fressrausch der Basstölpel zu erleben, war nicht selbstverständlich. Eigentlich war der Trip für den Beginn der Reise geplant, der starke Seegang zwang uns aber, die Fahrt nach hinten zu verschieben. Der Wetterbericht ließ bis zur letzten Minute kaum Hoffnung zu, dass es wirklich dazu kommt.

Abbildung 17: Unser Skipper füttert seine gefiederten Freunde während der Fahrt. Die große Skua greift sich ein Stück Brot im Flug. Nach dem Fressrauch begleiteten die Tiere noch einige Zeit lang unser Boot.

Abbildung 18: Im Schwebflug neben und über dem Boot gab es noch einige gute Gelegenheiten die Basstölpel im Flug zu fotografieren. Während der Action war dies nicht möglich. Man musste sich auf einzelne Elemente konzentrieren um die richtigen Bilder zu bekommen.

Ein unvergesslicher Abschied...

Wie eingangs erwähnt, blieb mir noch ein Tag zu meiner freien Verfügung. Da ich mich wieder in Sumburgh befand, wissen Sie sicher schon, wohin mich mein Weg führte. Erneut begab ich mich auf den Pfad zum Leuchtturm. Ziel war es, noch einige Papageitaucher- und Landschaftsaufnahmen im goldenen Abendlicht zu machen, da ich ja jetzt wieder im Besitz meines eigenen Statives war. Nach dem Abendessen zog es mich noch einmal hinaus in Richtung Leuchtturm. Der zweite Ausflug dauerte nun bis in die Nacht, die aufgrund der Jahreszeit nur Dämmerungscharakter hatte. Dabei haben sich die Shetland Inseln das beeindruckenste Erlebnis bis zum Schluß aufgehoben. Auf dem Rückweg zum Hotel stoppte ich ein letztes Mal an einem schönen Steinstrand, den ich mit einer Langzeitbelichtung fotografisch festhalten wollte.

Abbildung 19: Unser Hotel auf  South Mainland wirkt in der blauen Stunde mit dem leichten Seenebel wie ein Geisterschloß. Im Inneren wartete ein letztes wohlschmeckendes Dinner bevor es am nächsten Tag zurück ging in die Heimat.

Als ich dort in völliger Einsamkeit meine Kamera in Position gebracht, und die Belichtung begonnen hatte, fiel mir ein Geräusch auf, welches ich bis dato noch nie gehört habe. Der Wind glitt sanft über die leichte Dünung des Ozeans und ließ dabei eine Melodie entstehen, als ob auf den vorgelagerten Felsen einen Meerjungfrau ihr Klagelied singen würde. Gefangen in diesem außergewöhnlichen Moment, befiel mich ein unbeschreibliches Gefühl. Mir fehlen wirklich die Worte, um das Erlebte adäquat zu beschreiben. Damit aber nicht genug, als auf den letzten Metern vor dem Hotel noch eine grünlich leuchtende Sternschnuppe über einem entfernten Berg verglühte, war ich restlos überwältigt. Für mich gibt es nur eine Erklärung, die Shetland Inseln haben sich auf ihre ganz eigene Art von mir verabschiedet und wollten mir mitteilen:

"Florian, wir sehen uns wieder..."