NORWEGEN • SEPTEMBER 2018 • TEIL 3

"Es gibt Zeiten, in denen man die Stille der Tiere braucht, um sich von den Menschen zu erholen." Rückblickend trifft genau dieses unbekannte Zitat auf meine Gefühlslage sehr gut zu. In der modernen Gesellschaft komme ich mir zunehmend wie ein Fremdkörper vor, alles wird schneller, komplizierter und rücksichtsloser. Jeden Tag wird man mit neuen Techniken und Begrifflichkeiten konfrontiert, bei denen ich schon lange den Anschluss verloren habe. Es ist sogar schon so weit, dass ich bei manchen Dingen garnicht mehr verstehe, wovon die Leute eigentlich sprechen. Diese Tatsache wurde mir in Norwegen ein weiteres Mal sehr deutlich bewusst, als ich wenige Meter entfernt von zwei Moschusochsenbullen im Dovrefjell lag, und mir der Wind um die Nase wehte.

Diese Form von Ruhe und Zufriedenheit, welche ich dort in diesem Moment empfand, gibt es im Alltag nicht mehr. Leider bin nicht nur ich es, der mit den Folgen der gesellschaftlichen Entwicklungen zu kämpfen hat. Im dritten und letzten Teil meiner Norwegenreihe begenete ich einem kleinen Kobold, der durch rücksichtslose Pelzjäger und die klimatischen Veränderungen an den Rand der Ausrottung gedrängt wurde. Einige Wenige sind nun darum bemüht, diesen kleinen Geistern der nordischen Hochlagen zu helfen, damit uns diese wundervollen Tiere noch lange erhalten bleiben. Bevor wir uns jedoch den neugirigen kleinen Kerlen zuwenden, besuchen wir noch einen verrückten Hahn, der uns seinen Unmut über unsere Gegenwart deutlich spüren ließ.

Abbildung 1: Anmutig und stolz schreitet der Auerhahn durch sein Reich. Das goldenen Herbstlicht verleiht der Szenerie etwas König- liches und unterstreicht die Erhabenheit dieses prachtvollen Hühnervogels.

Man lernt nie aus...

Bisher entzog es sich meiner Kenntnis, dass das Auer- und Birkwild im Herbst eine zweite Balz vollführt. Diese Balz dient dazu, die Balzreviere für die kommende Saison abzugrenzen. Überraschenderweise sind wir so zu einer zusätzlichen Fotogelegenheit gekommen, mit der wir im Vorfeld garnicht gerechnet hatten, ein "verrückter" Auerhahn im norwegischen Herbstwald.

Einer groben Ortsangabe von einheimischen Fotografen folgend, gelang es uns auf den zweiten Versuch das Tier im Wald zu lokalisieren. Ihre Majestät, der Auerhahn, war aber über unsere Anwesenheit nicht sonderlich erquickt. Kurzerhand startete er eine Flugattacke auf einen von uns, um seinem Unmut unmissverständlich kund zu tun. Da das "Opfer" unter uns der einzige Nikon-Fotograf war, erklärt ziemlich deutlich warum gerade er angegriffen wurde. Die Canon-Fotografen blieben alle unbeachtet. Das Tier hatte wohl eine leichte Abneigung gegen die gelbe Farbe. 🙂

Abbildung 2: Nachdem der Hahn seinen Standpunkt klar gemacht hatte, setzte er sein Balzritual unbeeindruckt fort, als ob nie etwas gewesen wäre.

Abbildung 3: Selbst in der Balz sind diese Tiere relativ scheu. Das Glück, in der Weite der norwegischen Wälder auf ein “verrücktes” Exemplar zu treffen, ist unbeschreiblich. Unverhofft kommt oft, und so konnten wir diesem tollen Tier sehr nahe kommen.

Abbildung 4: Einem Auerhahn nahe zu kommen ist alleine schon ein tolles Erlebnis, aber das Ganze noch im Herbstwald mit Backlight zu erleben ist das absolute Highlight. Mehr kann man sich wirklich nicht wünschen.

Abbildung 5: Die genialen Lichtbedingungen ermöglichten sogar Silhouettenaufnahmen ohne das Tier gegen den Himmel freistellen zu müssen. Es war einfach einzigartig in diesem Wald.

Abbildung 6: Schlussendlich zog sich der Hahn in die Moorbirken und die roten Beerensträucher zurück. Die Zeit mit diesem Tier war sehr knapp bemessen, aber selbst in dieser kurzen Zeit gab uns der Vogel die Möglichkeit für viele abwechslungsreiche Aufnahmen.

Kobolde im Schnee...

Nachdem wir das Treffen mit dem "verrückten Gockel" einigermaßen verarbeitet hatten, war es an der Zeit sich von unserem Guide Floris zu verabschieden. Für den Rest unserer Reise waren wir auf uns allein gestellt, denn da wo uns unser Weg nun hinführen sollte, durfte uns Floris nicht begleiten. Trotz des schweren Abschieds, wollten wir uns die Chance nicht entgehen lassen, die Polarfüchse Norwegens zu suchen. Dieses Abenteuer mussten wir auf eigene Faust bestreiten, da es in Norwegen untersagt ist geführte Fototouren zu den Polarfüchsen zu machen.

Nach intensiver Recherche im Vorfeld unserer Reise waren wir uns nicht nur dieser Tatsache bewusst, wir wussten auch in etwa wo wir wahrscheinlich auf die Füchse treffen konnten. Polarfüchse bewohnen die kargen Hochebenen oberhalb der Baumgrenze und so ging es für uns rauf in die verschneiten Berge. Wie sich herausstellen sollte waren die recherchierten Angaben korrekt und wir konnten unser Glück nicht fassen, als wir diese neugierigen kleinen Kerlchen das erste Mal zu Gesicht bekamen.

Abbildung 7: Ein Wunschmotiv wird Wirklichkeit. Dieser weiße Polarfuchs setzte sich an die perfekte Stelle, um ihn mit dem umgebenden Schnee im völlig weißen Bokeheinbetten zu können.

Abbildung 8: Bereit zum Beutesprung? Nein, nicht wirklich. Dieser kleine Kerl spazierte nur gemütlich durch sein Revier und war in diesem Moment im Begriff von dem Felsen runter zu springen.

Abbildung 9: Wiederum positionierte sich der weiße Fuchs perfekt, damit der Fotograf künstlerisch tätig werden konnte. Der monochrome Bildaufbau bringt die Augen des Tieres besonders gut zur Geltung.

Abbildung 10: Diese Bild ist mein persönlicher Favorit. Es zeigt sehr schön die Konzentration mit welcher der Fuchs seine Umgebung wahr nimmt. Alle Sinne sind geschärft und es entgeht ihm nicht die kleinste Bewegung. Zugleich transportiert das Bild auch wunderbar die Kälte der nordischen Bergwelt.

Abbildung 11: Anfangs wusste der kleine Fuchs noch nicht recht was er von uns halten sollte, aber nachdem wir uns bedächtig bewegten und keine Gefahr von uns ausging entspannten sich die Tiere zusehens und begannen uns neugierig auszukundschaften.

Ohne Lemminge geht nichts...

Perfekt an seine Umgebung angepasst besitzt der Polarfuchs das Fell mit der besten Isolationswirkung im Tierreich. Dieses Fell wäre den Füchsen beinah zum Verhängnis geworden. Anfang der 1990er Jahre, nach mehr als 100 Jahren Pelzjagd, schrumpfte die Population in Norwegen, Schweden und Finnland auf 40 Tiere. Bis heute ist die Zahl Gott sei Dank wieder auf 400 Exemplare angestiegen. Dennoch lässt sich der indirekte Einfluss des Klimawandels auf die Tiere nicht leugnen.

Das Leben dieser Wildtiere verläuft zyklisch und wird vornehmlich durch das Vorkommen der Lemminge, ihrer Haupttnahrungsquelle, bestimmt. Im Winter leben die Lemminge ziemlich geschützt unter dem Schnee und wandern vor der Schmelze in trockene Gebiete ab. Damit ist der Tisch für die Füchse reich gedeckt und die Chancen den Nachwuchs durchzubringen steigen erheblich. Kommt die Schneeschmelze durch die Klimaerwärmung viel zu früh ertrinken die Lemminge im Schmelzwasser und ihre Bestände brechen ein. Ist dies der Fall, steht den Füchsen ein mageres Jahr bevor.

Abbildung 12: Dieser braun gefärbte Geselle sitzt entspannt im Schneetreiben und beobachtet die Fotografen bei ihrer Arbeit.

Abbildung 13: Im Sonnenlicht kommen die goldgelben Augen dieses braunen Exemplars besonders gut zur Geltung. Egal ob braun oder weiß, jeder Fuchs für sich ist ein wundervoller Anblick.

Abbildung 14: Nach seinem Spaziergang rund um den Bau setzte sich der Fuchs zu mir. Vermutlich durch meine langweilige Ausstrahlung überkam ihn dann die Müdigkeit.

Abbildung 15: Wie es bei Geschwistern so üblich ist, kommt es immer mal wieder zu spielerischen Auseinandersetzungen. Die Polarfüchse machen da keine Ausnahme. Diese Raufereien sind ein Training für spätere Rangkämpfe.

Abbildung 16: Die Nase des Fuchses ist immer im Dauerbetrieb, sei es um Fressbares zu finden oder um Witterung von Feinden aufzunehmen. Auch die restliche Sinneswahrnehmungen sind bei den Füchsen extrem gut ausgebildet.

Abbildung 17: Wird die Müdigkeit zu groß gönnt sich der Fuchs ein Nickerchen im Schnee. Sein dichtes Fell schützt ihn dabei vor Wind und Kälte. Auch starkes Schneetreiben bringt ihn nicht aus der Ruhe.

Gefahr aus den eigenen Reihen...

Magere Lemmingjahre, in denen die Fortplanzung der Füchse gänzlich ausbleiben kann, sind nicht die einzige Bedrohung, welche die Klimaerwärmung indirekt mit sich bringt. Eine weitere Gefahr kommt aus der eigenen Familie. Der Rotfuchs erlegt bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Polarfuchs ohne zu zögern. Die Klimaerwärmung führt zur Verschiebung der Baumgrenze in größere Höhen, somit schrumpft der Lebensraum der Polarfüchse und der ihrer roten Vettern wächst.

Diese beiden Hauptfaktoren erklären warum sich die Population, trotz aller Schutzbemühungen, in den letzten Jahren nur langsam erholt hat. Vor gut 12.000 Jahren gab es schon eine ähnliche Erwärmung, bei der die Polarfüchse in Skandinavien nahezu ausstarben. Die zähen kleinen Geschöpfe haben es trotz aller Widrigkeiten, sei es durch Bejagung, Klimawandel oder Fressfeinde, dennoch geschafft nicht völlig von der Bildfläche zu verschwinden. Dieser Kampfgeist und der unermüdliche Einsatz der Forscher lassen für die Zukunft hoffen.

Abbildung 18: Trotz aller Neugier verliert der Fuchs nicht ganz die Scheu vor den Menschen, die ihn so lange bejagd haben.

Abbildung 19: Das Leben ist hart in den Bergen, besonders wenn der Winter herein bricht. Energie zu sparen hat oberste Priorität, darum reduziert sich die Aktivität der Tiere auf ein Minimum. Genau wie die Moschusochsen legen auch die Polarfüchse viele Ruhepausen ein.

Abbildung 20: Aber sobald die Sonne hinter den Wolken hervorkommt erwachen die Lebensgeister und es ist Zeit für ein ausgelassenes Bad im Schnee. Da das Fell für den Fuchs im nordischen Winter überlebenswichtig ist, dient dieses Verhalten der Fellpflege. Der sichtliche Spaßfaktor kommt als Bonus hinzu.

Abbildung 21: Frisch gebadet und sauber ist es aber auch gleich wieder Zeit für ein Päuschen in der wärmenden Sonne. Es ist so unglaublich faszinierend diese intelligenten Tiere bei ihren täglichen Abläufen zu beobachten.

Abbildung 22: Wenn ich dieses Portrait betrachte fällt mir nur eins ein: Der schlaue Fuchs. Man merkt förmlich wie der weiße Kobold irgendeinen Schabernack ausheckt.

Abbildung 23: Auch wenn Energiesparen angesagt ist muss es von Zeit zu Zeit auch einmal schneller gehen, besonders wenn Futter im Spiel ist. Hungrige Geschwister sind nie weit entfernt.

Abbildung 24: Lange haben wir darauf gehofft die Füchse auch als Silhouette ablichten zu können. In meinem Fall hat es nie richtig funktioniert, da ich irgendwie immer falsch positioniert war, um ein ansprechendes Ergebnis zu bekommen. Für dieses Bild habe ich Photoshop um Längen mehr bemüht, als ich das normalerweise tue, aber was soll’s, wir sind ja auch Künstler und so habe ich doch noch ein Silhouettenbild bekommen mit dem ich leben kann.

Abbildung 25: Einem Polarfuchs in freier Wildbahn zu begegnen stand schon lange auf meiner fotografischen Wunschliste. In Norwegen sollte sich dieser Traum mehr als erfüllen. Die Zeit, die wir mit diesen Tieren verbringen durften war unbeschreiblich schön und alles andere als selbstverständlich.

Svala kehrt zurück...

Aufgrund seiner Neugierde wird der Polarfuchs von den Saami "Svala" genannt, was übersetzt so viel wie "der Unvorsichtige" bedeutet. Seit gut 15 Jahren bemühen sich Forscher Svala in Skandinavien wieder zurück zu bringen und seine Population auf ein gesundes Maß anwachsen zu lassen. Die jüngsten Zahlen geben Anlass zur Freude, das NRK spricht in einem Artikel (September 2018) von 54 Würfen und mindestens 269 Welpen. Ein gutes Lemmingjahr und Zuchterfolge machen sich hier bemerkbar.

Jedes Jahr werden in Skandinavien 40-60 Jungtiere aus den Zuchtprogrammen in die Wildnis entlassen, vornehmlich in Gebieten mit geringer bis garkeiner Population. Und so hoffe ich bei meinem nächsten, schon geplanten, Besuch in Norwegen wieder auf diese außergewöhnlich schönen Tiere zu treffen. Mit keinem mir bekannten Wort kann ich die tiefe Dankbarkeit ausdrücken, die ich für dieses Abenteuer empfinde. Ich hoffe meine Reise durch das herbstliche Norwegen war für Sie genauso spannend wie für mich? Wenn Sie möchten treffen wir uns bald im Blog in Slowenien wieder, es würde mich sehr freuen...

Abbildung 26: Der Polarfuchs blickt in eine ungewisse Zukunft.