ISLAND • SEPTEMBER 2020 • TEIL 1

Singschwäne und Gänse sammeln sich in Scharen, die Schafe werden zusammengetrieben und der kalte nordische Wind schickt die ersten Schneeflocken übers Land. Bevor der Winter jedoch seine eisige Herrschaft in Island übernimmt, zieht die Vulkaninsel im Nordatlantik noch einmal alle Register. Prächtige Herbstfarben fluten buchstäblich die Landschaft und überziehen sie mit einem Farbenspiel, welches Seinesgleichen sucht.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich Island immer nur in den Wintermonaten besucht. Die vorherrschenden Umstände haben mich jedoch dazu veranlasst, mein Lieblingsland im nordischen Herbst zu besuchen. Ich wollte die Chance nutzen, Island auf eine Weise zu erleben, wie es in Zukunft vielleicht nie mehr möglich sein wird. Zusammen mit meinem guten Freund und geschätzten Fotografenkollegen Arno Hemmer begab ich mich auf eine eindrucksvolle und unvergessliche „Zeitreise“ zurück in das Island vor den Touristenströmen.

Abbildung 1: Endlich wieder zurück bei meinen zotteligen Freunden. Was für ein toller Anblick.

Ein traumhafter Start...

Während unserer Autofahrten beobachte ich immer wieder die zahlreichen Vögel und verliere mich in meinen Gedanken. Dabei stellt sich mir immer wieder die Frage, ob die Tiere sich vielleicht wundern, warum gerade so wenig los ist? Mehr und mehr beneide ich sie. Das aktuelle Problem der Menschen ist in ihrer Welt nicht existent, ihre Flüge und Reisen in andere Länder unterliegen keinen Beschränkungen. Mit dem tiefen Bewusstsein, dass wir Teil von etwas ganz Besonderem sein dürfen, folgen wir dem Wetter über die Insel, und so entfaltet sich der Zauber Islands über uns.

Wie zwei kleine Jungs, unerschrocken, neugierig und nicht zu bremsen, stürzen wir uns von einem Abenteuer in das Nächste. Schwarze Sandwüsten, Lavafelder, Vulkankrater und bunte Hügelketten sind nur einige der Eindrücke, die uns unterwegs begegnen.

Abbildung 2: Auf der Elch-Safari kreuzte diese junge Steppenweihe unseren Weg. Eine weitere Begegnung, mit der wir nicht gerechnet hatten. Es war aber nicht diese Entdeckung, die meine Aufmerksamkeit erregte…

Anhand der Wettervorhersage ließ sich erahnen, dass in der zweiten Hälfte unseres Aufenthalts der Winter ins Hochland einziehen sollte. Das hieß natürlich, wir müssen so schnell wie möglich dort hin, um unsere gewünschten Locations auch wirklich sehen zu können, bevor sie unter einer dicken Schneedecke verschwunden sind. Da wir beide vorher noch nie dort waren, konnten wir es kaum erwarten, die Schönheit dieses faszinierenden Ortes mit eigenen Augen zu sehen.

Schwarzer Sand und Geröll knirschen unter den Reifen unseres Geländewagens, mit jeder Straßenwindung dringen wir tiefer in das, für uns, unbekannte Gebiet vor, und plötzlich stehen wir vor der ersten ernsthaften Flussdurchquerung. Auf die abgesteckte Streckenführung vertrauend, wage ich es in den Fluss einzufahren. Was unter der Wasseroberfläche passiert, kann ich nur erahnen, und hoffe nicht in eine Senke oder über Felsen zu fahren, die das Fahrzeug beschädigen könnten. Unser treues „Ross“ bringt uns jedoch sicher ans gegenüberliegende Ufer. Ich halte den Wagen an, um dieses Abenteuer kurz zu verarbeiten, das Herz schlägt mir bis zum Hals und das Adrenalin pumpt durch meine Adern. „Wie cool war das denn bitte?“

Abbildung 3: Eines der wenigen brauchbaren Dokumentationsfotos eines Elchs. Mit einem starken Zuschnitt des Bildes konnte ich in diesem Fall das Tier relativ gut in Szene setzen.

Sprachlos im Wunderland...

Der Rausch des Abenteuers hat völlig Besitz von mir ergriffen und es fühlte sich fantastisch an! Selbst beim Schreiben dieses Textes bekomme ich noch Gänsehaut. In dieser unwirklichen Landschaft, völlig allein unterwegs zu sein, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Hinter jedem Hügel, hinter jeder Kurve eröffnet sich ein neuer Anblick, der einem, immer aufs Neue, den Atem stocken ließ. Hier draußen in den endlosen Weiten, wo der Mensch nur zu Gast ist, rückten die eigentlichen Fotolocations immer mehr in den Hintergrund und das Erlebnis an sich, gewinnt zunehmend an Gewicht.

Abbildung 4: Mein erster wilder Rentierbulle in Norwegen, was für ein erhebendes Gefühl!

Abbildung 5: Die Herde äßt friedlich in der Tundra.

Abbildung 6: Jedes Jahr erneuert sich das Geweih der Tiere. Löst sich der Bast vom Horn, sieht man wie gut durchblutet das Gewebe war. Schmerzen haben die Tiere dabei nicht, eher einen lästigen Juckreiz. Den Bast werden sie durch das sogenannte “Fegen” an Büschen los.

Abbildung 7: Die alten Bullen tragen ein eindrucksvolles Geweih.

Abbildung 8: Ein junges Tier hat sich etwas von der Herde entfernt.

Vergebene Liebesmühe...

Der Aussichtspunkt am Dovrefjell war nun unsere nächste Anlaufstelle. Von dort aus erspähte ich in einiger Entfernung, eine kleine Gruppe Ochsen, die genüsslich durch die Tundra spazierte. Nun hieß es wieder, Rucksack anschnallen und marschieren. Zwei wundervolle Tage konnten wir mit den Tieren verbringen. Eindrucksvoll wurde uns das Paarungsverhalten dargeboten. Der Bulle trieb seine Weibchen und prüfte unermüdlich ihre Paarungsbereitschaft. Seine Versuche ans Ziel zu kommen, blieben jedoch noch unerwiedert. Die Damen wollten noch nicht so recht.

Vertieft in das Liebesspiel, nahmen die Tiere nicht wirklich viel Notiz von uns, und so konnten wir, mit dem gebührenden Abstand, entspannt fotografieren. Am ersten Tag durften wir die Tiere sogar im goldenen Abendlicht erleben. Es war einfach unglaublich schön. Die Tundra wurde zu einer gelbgold funkelnden Schatzkammer und wir saße mitten drin, beinahe so als hätten wir das sagenhafte El Dorado gefunden.

Abbildung 9: Der frontale Annährungsversuch des Bullen stößt ebenfalls nicht auf Gegenliebe. Die Szene erinnert fast an einen Kuß. Beide senken ihren Kopf, aber das Weibchen gibt ihm zu verstehen, dass er sich noch etwas in Geduld üben muß.

Abbildung 10: So romantisch und liebvolle dieser Moment auch wirken mag, kam es dennoch nie zu einer Paarung während unserer Anwesenheit.

Der einsame Kobold...

Nun war es wieder mal an der Zeit, sich von unserem Guide Floris zu verbschieden, denn es ging wieder zum Polarfuchs. Leider war aufgrund eines schlechten Lemmingjahres die Reproduktion augeblieben und wir fanden nur ein Tier vor. Ein Jahr zuvor trafen wir auf drei Tiere. Kurz nach unserer Ankunft konnten wir den kleinen Kerl in seinem Revier ausmachen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass wir richtiges Glück hatten. Zeitweise war der Fuchs tagelang nicht gesichtet worden.

Dem pelzigen Kobold war die Langeweile richtig anzumerken. Sichtlich erfreut über etwas Gesellschaft, lief der Fuchs um uns herum und legte sich sogar zum Schlafen hin. Drei Schafe, die sich im Anschluss in sein Revier verirrten, waren ebenfalls willkommene Spielkameraden. Der Polrfuchs hüpfte freudig um die Schafe herum, die nicht so recht wussten, was sie mit diesem aufdringlichen Kerlchen anfangen sollten. Für uns war es wieder ein besonderes Schauspiel, an dem wir teilhaben durften.

Abbildung 17: Kein Spielkammerad in Sicht. Gott sei Dank sind ein paar Fotografen da., dann ist es nicht ganz so langweilig.

Abbildung 18: Ist da doch ein Artgenosse? Nein, habe mich getäucht.

Schon während unserer Aufenthalte in den „Highlands“ war zu spüren, dass der Winter nicht mehr fern war. Der starke Wind, der teilweise in Orkanstärke über die Berge fegte, zwang uns manches Mal zum Rückzug. Die Böen waren teilweise so stark, dass man nicht mehr stehen konnte und ein Spaziergang auf einem Berg- oder Hügelkamm, unter solchen Bedingungen, wäre lebensgefährlich gewesen. Im Zuge dessen, mussten wir ein paar Locations sogar völlig auslassen. Für uns war dies das Zeichen, unsere Reise in Richtung Osten fortzusetzen und dem besseren Wetter zu folgen...