NORWEGEN • SEPTEMBER 2018 • TEIL 1

Der frasnzösische Maler und Grafiker Henri de Toulouse-Lautrec sagte einst: "Der Herbst ist der Frühling des Winters." Und so, wie sich der Herbst in Norwegen auf seinem Höhepunkt während meiner Reise ins Dovrefjell präsentierte, ist diese Aussage völlig zutreffend. Weiße Flechtenteppiche, feuerrote Beerensträucher, gelb leuchtende Birkenwälder, verschneite Berge und ein weiß blauer Himmel ließen das Fotografenherz höher schlagen.

Auf diese Bedingungen haben meine Fotokollegen und ich gehofft, da wir zu einem ganz bestimmten Zweck nach Norwegen gereist sind. Die herbstlichen Farben und die atemberaubende Landschaft sollten den perfekten Rahmen geben für unser eigentliches Motiv. Es dauert auch nicht lange bis die Hauptprotagonisten auf den Plan traten, haarige Kolosse, die einem wie ein Relikt aus der Urzeit vorkommen und uns sofort in ihren Bann zogen. Die Begegnung mit diesen urtümlichen Riesen sollte jedoch nicht das einzige Highlight unserer Tour bleiben, dennoch möchte ich mich in Teil 1 meines Reiseberichtes auf diese einzigartigen Tiere konzetrieren. Begleiten Sie mich und meine Kollegen bei unserem Besuch im Reich der Moschusochsen.

Abbildung 1: Zwei Muschusochsenbullen im Dovrefjell blicken argwöhnisch auf die fünf Fotografen, die ihnen gerade auf den Pelz rücken. Stören lassen sich die Tiere durch unsere Anwesenheit aber nicht.

Auf den Ochsen gekommen...

Wie eingangs erwähnt besuchten wir Norwegen um zum ersten Mal Moschusochsen in freier Wildbahn zu sehen und natürlich auch zu fotografieren. Moschusochse, der Name lässt einen fälschlicher Weise annehmen, dass es sich hierbei um ein Rind handelt. Dem ist aber nicht so, Moschusochsen sind die größte lebende Ziegenart. Mit einer Schulterhöhe von bis zu 1,50 Metern können die Tiere bis zu 400 kg auf die Wage bringen.

Im Energiesparmodus bewegen sich die Ochsen beim Fressen durch die Tundra um keine wertvollen Energiereserven für den Winter zu verlieren. Dabei wirken die Tiere eher gemächlich und unbeweglich. Kommt es aber darauf an sich oder die Familie zu verteidigen oder Nebenbuhler zu vertreiben, können sie auf beachtliche 60 km/h beschleunigen. Zudem tragen beide Geschlechter ernstzunehmende Waffen auf dem Kopf. Die bullige Statur und die spitzen, geschwungenen Hörner fordern einem den nötig Respekt zweifellos ab.

Abbildung 2: Gemächlich schiebt sich dieser Bulle beim Fressen durch die herbstlich gefärbte Tundra. Einergie zu sparen ist oberstes Gebot, wenn man einen so kargen Lebensraum seine Heimat nennt und mit sehr strengen Wintern zu kämpfen hat.

Echte Dickschädel...

Bei den weiblichen Tieren sind die Hornplatten nicht so stark ausgeprägt wie bei den männlichen Tieren. Die Hornplatten der Männchen wachsen über die Jahre an der Stirn zusammen und bilden einen dicken Wulst, welcher im Kampf als Ramm- bzw. Prellbock dient. Prallen die Bullen in vollem Lauf aufeinander kann man sich gut vorstellen welch enormen Kräfte dabei freigesetzt werden.

Diese Kämpfe sind auch sehr gefährlich. Gehirnerschütterungen und Traumata können ebenso auftreten wie Stichverletzungen in die Flanken. Im schlimmsten Fall führen diese Verletzungen sogar bis zum Tod. Unmittelbar sind diese Verletzungen nicht unbedingt tödlich, aber sie führen zu einer ernsten Schwächung der Tiere, die dadurch nicht in der Lage sind den nächsten Winter zu überstehen.

Bullen die als Verlierer aus den Kämpfen hervorgehen verlassen meist die Gruppe. Normalerweise gehen sie alleine auf Wanderschaft oder schließen sich zu Junggesellengruppen zusammen.

Abbildung 3: Die respekteinflößenden Hörner dienen den Tieren als Waffen im Kampf und zur Verteidigung. Wer so stark bewaffnet ist hat wenig zu fürchten.

Abbildung 4: Bevor es tierisch auf die Mütze gibt droht dieser Bulle indem er seinen riesigen Schädel auf und ab schleudert. Dies ist nur eine Geste aus einem ganzen Repertoire an Drohgebärden.

Abbildung 5: Schlussendlich kommt es dann zum Kampf bei dem die Bullen in vollem Galopp wie zwei Dampflokomotiven aufeinander prallen. Da bekommt man beim Zusehen schon Kopfschmerzen. Nicht weniger eindrucksvoll ist das Geräusch, welches der Aufprall verursacht.

Der Platz wird knapp...

Eine handvoll der zotteligen Zeitgenossen wurden in den frühen 1950er Jahren aus Grönland ins Dovrefjell gebracht. In den 1970er Jahren gründete man aus dem ehemaligen Militärgelände den Dovrefjell-Nationalpark. Über die Jahre wurde dieser jedoch zu klein für die artenreiche Tierwelt der Gegend und so erweiterte man ihn 2002 auf ca. 1700 km² zum Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. Dieser wiederum soll in Kürze nochmals auf ca. 2000 km² vergrößert werden.

Heutzutage ziehen rund 300 Moschusochsen durch das Fjell und dürfen dabei den Nationalpark nicht verlassen. Da die Tiere in Norwegen nicht beheimatet sind will man sie nur im Park haben. Versuchen die Ochsen aus dem Gebiet abzuwandern werden sie wieder zurück getrieben. Nachteilig für eine solch isolierte Gruppe an Individuen ist der Mangel an neuen Genen, die in die Population kommen sollten. Ein begrenzter Genpool führt zu einer starken Anfälligkeit für Krankheiten.

Abbildung 6: Dieser Bulle kann sich darauf freuen, dass viele weitere Quadratkilometer seines Reichs in den Nationalpark eingegliedert werden. Auch wenn die Tiere ursprünglich nicht im Fjell beheimatet waren sind sie dennoch perfekt an die Verhältnisse angepasst.

Abbildung 7: Zwei Bullen fressen vor der imposanten Kulisse der Dovrefjell-Gebirgskette.Es kommt nicht all zu oft vor, dass sich die Snøhetta völlig frei präsentiert. Mit 2286 Metern höhe ist sie der höchste Berg in dieser Gebirgskette.

Abbildung 8: Um Energie zu sparen ruhen die Ochsen sehr viel. Diese Ruhepausen sind auch für den Fotografen eine willkommene Gelegenheit um sich ein paar Minuten Auszeit zu gönnen, die Kamera abzulegen und die beeindruckende Szenerie zu genießen.

Abbildung 9: Ein einsamer Bulle steht auf einem Kamm und lässt den Blick über sein Gebiet schweifen. Wir alle hatten gehofft eines dieser großartigen Tiere als Silhouette ablichten zu können. Dieser Bulle tat uns diesen Gefallen.

Abbildung 10: Im späten Nachmittagslicht werden die Umrisse des Bullen angeleuchtet. Das Unterbelichten der Aufnahme unterstreicht diesen besonderen Moment, einer von vielen, den uns die Ochsen im Dovrefjell schenkten.

Immer warm und gut getarnt...

Das lange Fell, welches aus mehreren unterschiedlichen Haararten besteht, ist ein weiteres Merkmal der Moschusochsen. Es reicht fast bis zum Boden und wärmt die Tiere im nordischen Klima. Unter den bis zu 62 cm langen Grannenhaaren tragen die Ochsen ein fünf Zentimeter langes Unterfell. Das Fell spendet aber nicht nur wohlige Wärme es tarnt die Tiere auch hervorragend in der Tundra. Helle Farbpartien am Rücken lassen die Tiere aus der Ferne betrachtet mit ihrer Umwelt verschmelzen. Man hält sie nur für einen weiteren Busch oder einen Flechtenfleck.

Besonders eindrucksvoll kommen das lange Fell erst zur Geltung, wenn die Bullen im Kampf aufeinander prallen. Krachen die Männchen zusammen schickt das richtige Schockwellen durch den Pelz. Ein wahrlich eindrucksvoller Moment, der die rohe Kraft genauso widerspiegelt wie das schon erwähnte Geräusch des Aufpralls. Da Moschusochsen eher an trockene Lebensräume angepasst sind besitzt ihre Haut keine Talgdrüsen, was wiederum zur Folge hat, dass ihr Fell Wasser und Regen nicht abweisen kann. Tödliche Erkältungen können daraus resultieren.

Abbildung 11: Gut gewärmt durch sein dickes Fell kann der Moschusochse in aller Seelenruhe durch die Tundra schlendern.

Abbildung 12: Warm und gut getarnt steht der Bulle im herbstlichen Fjell. Das rauhe nordische Klima stört ihn wenig, außer es kommt zu starken Regenfällen. Nässe kann für die Tiere mitunter tragische Folgen haben.

Abbildung 13: Die unbeschreibliche Farbenpracht des norwegischen Herbstes rahmt den Bullen während der Nahrungsaufnahme ein. Man kann sich als Wildlife-Fotograf wirklich nicht mehr wünschen.

Abbildung 14: Aus der Ferne betrachtet verschwinden die Tiere in ihrer Umgebung. Der helle Rücken gleicht den Flechten die das Fjell überziehen. Wenn man das erste mal nach den Ochsen Ausschau hält kann es gut und gerne sein, dass man sie übersieht.

Abbildung 15: Mit offener Blende habe ich versucht den Bullen aus seiner Umgebung heraus zu heben und frei zu stellen. Die Farbverläufe der Herbsttundra sind einfach nur ein Traum.

Familie, wo Liebe niemals endet...

Trotz all der Gewalt und Kraft haben diese interessanten Tiere auch eine softe Seite und einen sehr ausgeprägten Familiensinn. Die Bindung zwischen Müttern und Kälbern ist besonders stark. Immer wieder konnte ich die Muttertiere dabei beobachten wie sie nur ihr eigenes Kalb säugen. Fremde Kälber werden sofort mit einem leichten Kopfstoß darauf hingewiesen, dass sie sich an der falschen Zapfstelle befinden.

Wird der nötige Abstand eingehalten und die Bewegungen bedächtig ausgeführt lassen einen die Tiere an ihrem Tagesgeschehen teilhaben. Entspannt gehen sie ihren "Geschäften" nach. Es ist ein sehr erhebendes Gefühl zu sehen wie liebevoll die Mütter mit ihren Kälbern umgehen. Und über der ganzen Herde wacht ja schließlich noch der starke Vater. Familiengruppen, die von einem dominatnen Bullen begleitet werden sind in der Regel viel entspannter als Gruppen die nur aus Weibchen und ihren Jungtieren bestehen.

Abbildung 16: Diese süße überdimensionierte „Fledermaus“ kann nicht nur eine Mutter lieben. Übermütig hüpfen die Kleinen durch die Büsche und man würde am liebsten mit machen, Fangen spielen und sie ausgiebig knuddeln.

Abbildung 17: Nichts ist vergleichbar mit der Liebe einer Mutter. Diese starken Gefühle miterleben zu dürfen war einer der vielen Momente der Demut, den ich mit diesen Tieren hatte. Zeit in der Natur mit diesen einzigartigen Lebewesen zu verbringen hilft mir jedes mal aufs Neue das Leben auf das zu reduzieren was wirklich wichtig ist.

Abbildung 18: Von Zeit zu Zeit muss man sich natürlich auch mal stärken. Für 15 Monate werden die Kälber von ihren Müttern gesäugt, obwohl sie schon eine Woche nach der Geburt  damit beginnen Gras zu fressen.

Abbildung 19: Frisch gestärkt trotzt das Kalb an der Seite seiner Mutter dem frischen nordischen Wind und den Schneefällen. Bei der Geburt besitzen die Kälber einen Vorrat an braunem Fettgewebe. Mit diesem Brennstoffvorrat sind sie in der Lage 13 mal so viel Wärme zu erzeugen als ein Mensch im Ruhezustand.

Abbildung 20: Mama und Papa haben immer ein wachsames Auge auf den Nachwuchs. Dieser kann sorgenfrei durch die farbenfrohe Tundra tollen. Da die Bullen mehrere Weibchen in der Gruppe haben ist ein Spielkammerad nie weit entfernt. Es ist eine wahre Freude den kleinen Kälbern bei ihrem ausgelassenen Spiel zu zusehen.

Abbildung 21: Diese Familiengruppe fanden wir auf der Fahrt mit dem Bus zum Snøheim, einer großen Berghütte 13 km tief im Fjell. Wir mussten ca. vier Kilometer laufen, um die Tiere zu erreichen. Sie standen perfekt vor der beeindruckenden Kulisse der Dovrefjell-Gebirgskette. Zu unseren Pech befand sich unter ihnen aber kein Bulle und so hielten die Tiere einen sehr großen Abstand zu uns.

Ein weiterer Kindheitstraum erfüllt sich...

Dank Floris Smeets exzellentem Guiding erfüllte sich wieder ein Jugendtraum. Wir kamen zu wirklich eindrucksvollen Bildern unbezahlbare Einblicken in das Leben der Moschusochsen. Floris ist aber nicht nur ein guter Guide sondern auch ein talentierter Fotograf von dem man sehr viel lernen kann. Obendrein ist er auch der angenehmste Mensch, den man sich vorstellen kann und seine Kochkünste suchen ihresgleichen.

Neben der Lizenz zum Kochen hat Floris ebenfalls die Erlaubnis Touren im Nationalpark anbieten zu dürfen. Vorrausetzung hierfür ist eine Gewerbeanmeldung in Norwegen und eine spezielle Prüfung vom Nationalpark selbst. Hat man dies nicht, ist es einem nicht gestattet kommerzielle Touren im Park anzubieten. Sollten Sie also in Erwägung ziehen die Ochsen eines Tages selbst zu besuchen, kann ich ihnen Floris Smeets von Your Norwegian Nature nur wärmstens an Herz legen, ich wüsste nicht bei wem Sie in besseren Händen sein sollten, flogen Sie einfach nur diesem Link:

Abbildung 22: Es ist Zeit sich von den Ochsen zu verabschieden. In der Abenddämmerung haben sie sich zur Ruhe gelegt.

Natürlich waren die Ochsen nicht die einzigen Motive die uns vor die Linse kamen. Freuen Sie sich auf weitere spannende tierische Begegnungen und eindrucksvolle Landschaften. Norwegen hat sich für uns wirklich ins Zeug gelegt. Nicht im Entferntesten hätte ich es mir so schön vorgestellt, es war einfach nur überwältigend...

Fortsetzung folgt...